Wagen anders zu sein – Fotografin Sarah erzählt über Kunstprojekte, Reisen und ihre Werte

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Sarah von Krokographie lernte ich über instagram kennen. Mich faszinierten ihre Photos unglaublich, da sie eine Vielfalt zeigen, die ich selten bei anderen Photographen beobachten konnte. Zudem ist sie ein Mensch, der sich nicht gerne in Schubladen stecken lässt und der bestrebt ist, eigene, individuelle Lebenskonzepte zu entwickeln. Dies kann anhand ihrer diversen Photoprojekte mitverfolgt werden und ist auch ein integraler Bestandteil ihrer Persönlichkeit. Jetzt ist Sarah gerade in den USA unterwegs und erfüllt sich damit eine Lebenstraum. Ihr Reisetagebuch ist hier zu finden: www.nolineonhorizon.blogspot.de

Wie hast du eigentlich zur Fotografie gefunden? War es schwierig die Fotografie mit deiner Berufstätigkeit zu vereinbaren?

Ich war schon als Kind irgendwie immer etwas „anders“. Ich konnte stundenlang schweigend (mit meinen Eltern) durch die Natur oder Stadt laufen und Dinge beobachten, an denen andere achtlos vorbeigelaufen sind. Irgendwann als Teenager habe ich angefangen, diese Dinge mit einer billigen Digitalkamera festzuhalten, weil ich sie so schön fand, dass ich Angst hatte, sie wären eines Tages für immer weg und ich könnte sie dann nie wieder sehen. Daraus hat sich dann alles Weitere entwickelt.

Während des Studiums war es wegen der vielen zeitlichen Freiräume einfach, sich der Fotografie zu widmen. Als dann mein 40-Stunden-Job kam, bin ich erstmal in ein Loch gefallen. Ich habe dann oft an den Wochenenden oder im Sommer abends nach der Arbeit an Fotoprojekten gearbeitet, womit ich mich manchmal dann auch selbst überfordert habe. Aber ich wollte diese Kunst auf keinen Fall wieder aufgeben. Die Vereinbarung von Beruf und Fotografie war bis zum Ende nicht reibungslos oder zufriedenstellend.

Warum ist es dir so wichtig breit aufgestellt zu sein?

Ich liebe Vielfalt. Zum einen habe ich selbst in den letzten Jahren schon verschiedenste Szenen und persönliche Hypes durchlebt – von Punk über Metal, Rockabilly und 80s/Synthie bis Blues – zum anderen bin ich ein Mensch, der gern Neues probiert. Ich bin schnell von sich stets wiederholenden Dingen gelangweilt. Außerdem finde ich es spannend, auszuloten, was in der Kunst geht und was darstellbar ist. Das gibt mir wiederum auch Inspiration für mein eigenes Leben und Denken zurück. Da ich ja nicht-kommerziell fotografiere, ist mir auch egal, was jemand davon hält oder ob mich jemand „wegabonniert“, weil ich auf einmal etwas Verstörendes zu Tierversuchen direkt nach einem hübschen Vintage-Foto poste.

Welche Künstler inspirieren dich zu deinen Projekten? Wonach wählst du Projekte aus bzw. woher nimmst du die Inspiration für deine Projekte?

Früher hatte ich eine Reihe von Fotografen und Künstlern, an deren Ideen ich mich gehalten habe. Irgendwann habe ich mich entschieden, das komplett sein zu lassen und mich statt vor Pinterest oder Instagram lieber vor eine weiße Wand zu setzen, um wirklich EIGENE Ideen zu bekommen und nicht nur Kopien von anderen. Inspirierend finde ich aber nach wie vor Künstler wie Gottfried Helnwein und Salvador Dali sowie auch viele Musiker wie Jim Morrison, Kurt Cobain oder Bob Dylan, da ich viel Musik höre, während ich brainstorme oder Fotos bearbeite.

Bei der Projektauswahl ist es so, dass ich für meine Vintage- und Natur-Projekte oft Anfragen bekomme und da eigentlich kaum noch aktiv suchen muss. Da entscheide ich dann, welches Gesicht mir wieder etwas Neues gibt und wer mir schon beim Schreiben oder Telefonieren auch von der Persönlichkeit her interessant erscheint. Meist überlegen wir dann gemeinsam, was wir wie umsetzen wollen. Bei den sozialkritischen Projekten sind es oft Erlebnisse oder Erinnerungen in meinem Alltag, die mich plötzlich auf ein bestimmtes Thema stoßen. Das Thema „Mobbing“ kam mir in den Sinn, als ich mehrfach an einer Schule vorbeifuhr und selbst Magenschmerzen bekam bei der Erinnerung daran. Das Thema „Burn Out“ bzw. „Stumpfes Arbeiten ohne Sinn“ kam auf, als ich einmal nachmittags bei 30 Grad in meinem Büro festsaß und dachte Was tu ich hier eigentlich? Und dann ist die Kamera mein Mittel, um mich auszudrücken und vielleicht auch Gedankenfluten abzulassen.

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Es ist auffällig, dass sich viele deiner Projekte mit sozialkritischen und schwierigen Themen beschäftigen. Muss Kunst deiner Meinung nach eine Aussage haben? Sollte sie genutzt werden, um gesellschaftliche, politische und andere Missstände zu thematisieren?

Ich sage mal auch! Ich persönlich könnte jetzt nicht ausschließlich den moralischen Zeigefinger schwingen oder Missstände anprangern – vielleicht würde mich das auch auf Dauer deprimieren. Aber ich finde es wichtig, dass man andererseits auch nicht nur „schöne“ Kunst macht, die man sich nett ins Wohnzimmer über die Couch hängen würde. Eine Aussage oder eine Atmosphäre sollte ein Foto meiner Meinung nach immer haben. Es sollte immer berühren – selbst wenn es keine kritische Dimension hat. Da ich aber auch ein Mensch mit festen politischen und moralischen Ansichten bin, war für mich irgendwann klar, dass ebenfalls das Kritische Teil meiner Arbeit werden muss. Und ich finde, jeder Künstler sollte sich zumindest bewusst werden, dass er durch seine Kunst Öffentlichkeit schafft und ob er die nicht nutzen will, um zumindest ab und an auch mal einen Missstand anzuprangern und Menschen nachdenklich zu machen.

Sollte Kunst frei sein oder kommerziell betrieben werden? Diese Frage stellen sich viele Hobbykünstler, bevor sie sich hauptberuflich oder eben nicht für die Kunst entscheiden. Schränkt es einen ein hauptberuflich Künstler zu sein?

Ich denke ja! Ich habe zwei Jahre in einem Kunstmuseum gearbeitet und mitbekommen, wie es Künstlern zu schaffen macht, die von ihren Werken nicht leben können aber müssten. Entweder sie müssen unerfüllende Nebenjobs machen, die ihnen viel Zeit rauben oder sie fangen an, Kunst zu machen, die gerade angesagt ist, nur um sie verkaufen zu können. Ich habe selbst während meines Studiums mal auf Hochzeiten gegen Geld fotografiert. Auf diese – bei Reportagen oft extrem stressige –Art und Weise könnte ich heute nicht wieder arbeiten. Es waren halt Aufträge und genau so hat es sich auch angefühlt.

Das Nonplusultra als Künstler wäre es natürlich, wenn Leute deine Werke kaufen, weil sie so sind, wie sie sind – und du weder einen existenzsichernden Job „nebenbei“ benötigst, der deine Zeit und Kreativität frisst, noch seelenlose Aufträge brauchst. Aber das gelingt wohl nur 0,1 Prozent aller Künstler.

Was machst du noch so neben der Fotografie?

Eine Menge. Es gibt so viel, was man tun kann und tun sollte, bevor das Leben zu Ende ist. Vor allem reisen. Ich habe in Europa schon viel gesehen und dieses Jahr geht es – dank beruflicher Auszeit – nach Amerika und Asien.

Sonst spiele ich E-Piano seit ich 4 bin und habe mir vor 2 Jahren selbst Akustik-Gitarre beigebracht. Das ist auf jeden Fall noch ausbaufähig, denn leider hatte ich durch den Job nie genug Zeit zum Üben. Ich schreibe leidenschaftlich gerne. Manchmal Songtexte aber auch ganze Romane. Auch das ist in den letzten Jahren deutlich zu kurz gekommen. Außerdem unternehme ich gern so viel wie möglich mit meinem Freund und meinen Freunden. Mit ihnen Zeit zu verbringen, ist für mich unglaublich wertvoll! Hätte der Tag 48 Stunden, würde ich auch noch gärtnern, schreinern, nähen, filmen und mir weitere 10 Katzen anschaffen!

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Für mich ist Musik immer eine große Inspirationsquelle. Wir haben ja schon festgestellt, dass wir beide eine Tendenz zu älteren Bands haben, besonders zu etwas anspruchsvollerer und komplexer Musik. Inwiefern spielt dies eine Rolle für dich als Künstler?

Es spielt eine große Rolle bei der Ideenfindung und auch in der Art, wie ich Bilder bearbeite. Manchmal inspirieren mich Songtextzeilen zu einem Thema oder ich habe sie im Hinterkopf, während ich fotografiere. Und wenn ich die Bilder dann bearbeite, überlege ich, welche Stimmung ich gern noch im Nachhinein einarbeiten würde – düster, kraftvoll, sanft, ursprünglich, fantasievoll,… – und lege die entsprechende Musik auf, von der ich weiß, dass sie mich in eine bestimmte Stimmungslage versetzt. Das macht mich kreativer und die Arbeit (und damit vermutlich auch das Endergebnis) „beseelter“. Diesen Geist finde ich aber eigentlich nur in älterer Musik von den 80er Jahren abwärts.

Nicht nur deine Fotoprojekte, sondern auch dein Lebensweg ist recht ungewöhnlich. Du hast etwas erfüllt bzw. bist dabei es dir zu erfüllen, wovon viele Menschen träumen: du hast deinen Arbeitsvertrag nicht verlängert und reist jetzt einige Monate durch die USA. Wie kam es dazu? Welche Gedanken und Überlegungen standen hinter diesem Schritt?

Das klingt jetzt etwas komisch aber ich wusste, dass ich das machen würde, seit ich ein Kind bin. Mein Vater war Geographie-Lehrer und ich bin quasi mit Atlanten und Dokumentationen aufgewachsen. Mein Wille, diese bunte, fantastische und manchmal auch wilde und widersprüchliche Welt zu sehen, zu entdecken und zu spüren, war schon in diesem Alter extrem stark. Und wenn ich einmal etwas unbedingt will, dann lasse ich es nicht wieder los – egal, wie unerreichbar etwas scheint oder wie sehr äußere Kräfte dagegen arbeiten. Ganz besonders faszinierend fand ich schon immer die Landschaften der USA, die Nationalparks, die großen Städte, die endlosen Straßen. Dazu kam dann später mein Hang zu Motorrädern, Autos, Rock’n’Roll, Einsamkeit und anderen Dingen, die irgendwie immer mal wieder mit diesem Land assoziiert werden. Wenn ich an die USA dachte, dann spürte ich immer, dass irgendetwas von diesem Land in meinem Herzen steckte, obwohl ich dort keine Verwandten habe und auch bisher noch nie dort war.

Für mich kam es allerdings nie in Frage, während der Schule oder des Studiums dort hinzugehen oder danach als Au Pair dort zu arbeiten. Ich wollte eine Rundreise machen. Alles sehen. Nicht lernen, nicht arbeiten, nicht an irgendetwas gebunden sein. Also war nach dem Studium klar, dass ich arbeiten musste, denn auch wenn ich zuvor schon seit Jahren darauf gespart hatte, fehlte noch der entscheidende Rest. Zum Glück bekam ich dann einen zweijährigen Vertrag als Volontärin in der Ludwiggalerie Oberhausen. Obwohl ich am Ende eine Verlängerung hätte bekommen können, habe ich abgesagt. Denn schon nach knapp einem Jahr war klar, dass das Geld reichen würde für meinen großen Traum. Endlich. Nach so vielen Jahren wurde es realistisch. Nichts in der Welt hätte mich davon abbringen können! Und da ich viel zu viele Menschen kenne, die immer nur „irgendwann“ gesagt haben, bis ihr Leben vorbei war oder ihnen äußere Umstände die Träume verbaut haben, war mein Gedanke: Now or never!

Welche Stationen wirst du auf deiner Reise anpeilen? Gibt es etwas, was dich besonders reizt?

Von New York geht es nach Washington, dann zu den Niagara Fällen, nach Chicago und von dort mit dem Auto die Route 66 entlang Richtung Westen über die großen Nationalparks bis Los Angeles. Dann die kalifornische Küste rauf bis San Francisco und durch den Norden über Yellowstone zurück nach Chicago. Ich könnte wirklich nicht sagen, was mir davon am meisten bedeutet. Ich glaube, es ist das große Ganze.

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Natürlich hat so eine Reise nicht nur positive Seiten. Viele Menschen sind davon abgeschreckt alleine zu verreisen oder so eine lange Reise anzutreten. Welche Ängste hattest du? Welche Problematiken ergaben sich im Vorhinein?

Ich habe Flugangst. Das ist sicher nicht sehr hilfreich, wenn man über 10 Stunden im Flieger sitzt und auch noch Inlandsflüge vor sich hat. Aber für mich kein Grund, es nicht zu machen, zumal ich sowieso jedes Jahr mindestens einmal in einem Flugzeug sitze, da ich einfach zu gern reise. Dass ich alleine reise, war nicht von Vornherein geplant, hat sich aber durch „now or never“ ergeben. Davor habe ich allerdings überhaupt keine Angst. Ich bin auch schon mehrfach alleine in Europa verreist und passieren kann einem sowieso überall etwas. Außerdem schätze ich Einsamkeit sehr. Ich liebe es, mich mit Menschen auszutauschen, aber genauso gern bin ich allein. Man lernt sich dadurch auf eine ganz andere Weise kennen und nimmt seine Umwelt komplett anders und viel intensiver wahr. Ansonsten gab es jede Menge zu bedenken, was Papierkram angeht. Wie geht das mit dem Visum? Wie funktioniert das mit der Krankenversicherung? Ist mein Mietwagen richtig versichert? Habe ich ein Handy mit den richtigen Frequenzbändern? Was haben die da eigentlich für Steckdosen? Buche ich vor oder lasse ich alles auf mich zukommen? Es gibt extrem viel zu bedenken und nicht alles läuft direkt glatt. Manchmal war es so viel – dadurch, dass ich alles komplett alleine organisiert habe – dass ich nicht mehr wusste, wo mir der Kopf stand und ich hatte Angst, etwas Wichtiges einfach vergessen zu haben. Außerdem erfuhr ich während meiner Recherche, dass ich durch tornadogefährdetes Gebiet fahren würde, was mir ein paar schlaflose Nächte verursacht hat. Ich neige aber auch zum „Overthinking“, weshalb ich immer versuche, mich ab und an auch mal gelassen selbst von außen zu betrachten.

Du hast ja vor für deine USA Reise einen Blog anzulegen, also eine Art Reisetagebuch. Was erwartet uns dort?

Ich habe ein paar Kategorien eingerichtet wie das Logbuch mit aktuellen Erlebnisberichten, einen Routenplan aber auch Tipps und Facts zur Reise und zu Reisen allgemein. Wie oft ich tatsächlich etwas posten werde, weiß ich noch nicht. Das ist abhängig vom örtlichen Wifi und meiner Motivation. Ich werde aber vermutlich versuchen, das ganze sehr literarisch und unterhaltsam zu gestalten. Außerdem werde ich auch auf Instagram meine Reiseeindrücke teilen mit extra Fotos.

Zum Abschluss würde es mich freuen, wenn du noch etwas darüber erzählen könntest, welche ethischen Werte du vertrittst und welche du für besonders relevant hälst.

Was ich ganz wichtig finde: Alle Lebewesen sind gleich! Es geht mir hier nicht nur um Hautfarbe oder Religion (dieses leidige Thema sollte die Menschheit übrigens längst überwunden haben!), sondern auch um Tiere und Pflanzen. Was wir brauchen sind Respekt und Empathie! Immer, wenn wir etwas tun oder sagen, sollten wir überlegen, wie wir reagieren würden, wenn genau das uns von jemand anderem angetan oder gesagt werden würde. Niemand ist wegen irgendetwas mehr oder weniger wert. Egal, wie alt, wie dick, welcher Herkunft, welcher Glaubensrichtung oder ob man Männer oder Frauen liebt. Egal, ob man zwei Füße oder vier Pfoten hat oder blüht. Momentan befasse ich mich dahingehend auch mit dem Gedanken einer beseelten Natur. Außerdem bin ich total gegen Waffen, Gewalt und Krieg. Das wird niemals eine Lösung für irgendetwas sein.

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Persönlich beschäftigst du dich ja auch mit der Konsumproblematik. Du hast mir erzählt, dass du gerne Second Hand kaufst und versuchst Anschaffung minimal zu halten. Warum findest du, dass dies wichtig ist?

Wir sollten wieder mehr nachdenken, ob wir etwas wirklich brauchen und zu welchem Zweck, bevor wir Tonnen von Müll verursachen und Ressourcen verschwenden. Außerdem sind es nicht Anschaffungen, die uns auf Dauer glücklich machen, sondern Erlebnisse. Man würde staunen, was man an Geld sparen und anders einsetzen kann, wenn man mal aufhören würde, dauernd wahllos irgendwas zu kaufen oder jeden Mist zu bestellen, nur weil er gerade neu rausgekommen ist und man suggeriert bekommt, dass man ohne ihn nicht weiterleben könnte. Wenn mir Leute sagen, dass sie niemals genug Geld für eine große Reise hätten, würde ich manchmal gern ihre Wohnungen und Schränke von innen sehen und ihnen zeigen, wie viel sinnloser Konsum-Quatsch dort existiert, der mit der Zeit sowohl Zweck als auch Bedeutung für sie verloren hat, mit dem man locker fünf Reisen finanzieren könnte. Seit ich mich in Läden immer zehn Mal ehrlich und kritisch frage, ob ich etwas wirklich brauche und nicht nur haben will, habe ich deutlich mehr Geld, genieße die wenigen Anschaffungen dafür extrem bewusst und habe Einrichtung und Klamotten, die einzigartig sind und meinen Charakter widerspiegeln – und keine Modewelle.

Welche Änderung wünschst du dir für die Gesellschaft? Und welche Dinge laufen deiner Meinung nach bereits richtig gut?

Ich würde mir weniger Gewalt, Hass und Eskalation wünschen. Wieder mehr Muße und Gedanken, bevor man aufschreit und andere verletzt. Mehr soziale Intelligenz und Gelassenheit. Und dass diese Hamsterrad-Mentalität aus Konsum, Karriere und Stromlinienförmigkeit aufhört. Wenn mir eine 14-jährige Praktikantin sagt, dass bis zu ihrem 30. Lebensjahr mit Abi, Uni und Karriere alles durchgeplant ist und sie in den Sommerferien gerade Referenzen sammelt, statt Freunde zu treffen und zu leben, wird mir schlecht. Und all die Leute, die montags immer kotzende Emoticons posten, mittwochs „Yeah, Bergfest“ schreiben und freitags völlig eskalieren, sollten sich vor Augen halten, dass sie gerade versuchen, fünf von sieben Tagen ihres Lebens durchzupeitschen, um vielleicht an zwei Tagen irgendwie zu leben. Das ist völlig irre, wird aber an Schulen und Unis zum großen Teil immer noch als eine Mischung aus gesellschaftlichem Muss und tollem Ideal vermittelt.

Richtig gut finde ich alle großen und kleinen Fortschritte, die alte Krusten aufbrechen und neue Arten von Leben und Lebensqualität zulassen. Museen, die Texte auch in Blindenschrift anbieten. Arbeitgeber, die auf Work-Life-Balance achten und Familien mit Kindern mehr Freiraum geben, damit Papa auch mal im Hellen nach Hause kommt. Firmen, die auf umweltfreundliche Energie setzen oder die verkackte Plastiktüte endlich verbannen. Gesetze, die es Homosexuellen ermöglichen, zu heiraten. Da könnte ich noch unendlich lang Dinge aufzählen, die ich klasse finde. Die Welt ändert sich genau mit diesen kleinen Einzelheiten und nicht über Nacht durch ein großes Wunderrezept. Es ist harte Arbeit, wie jedes Hobby und jeder Traum. Ich denke, wenn man das verinnerlicht und es anpackt, statt frustriert in sich zusammenzufallen oder sich in Ablenkungen zu flüchten, kann man eine Menge bewegen.

 

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