Vom Fremdsein

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“A global soul is a person who had grown up in many cultures all at once – and so lived in the cracks between them.”

The Global Soul: Jet Lag, Shopping Malls, and the Search for Home, Pico Iyer-

Ich fühle wieder diesen Drang weiter zu ziehen. Ich wäre bereit meine Sachen zu packen, irgendwo ganz anders neu anzufangen. Ich wäre gerne ein Regentropfen, der irgendwo landet, Teil einer Pfütze wird und weitere gespült wird, irgendwohin, wo er noch nie zuvor gewesen ist. Versteht mich nicht falsch! Ich fühl mich wohl dort, wo ich bin. Ich habe einen tollen Freundeskreis, Familie und eine schöne Wohnung. Hier habe ich mein Studium beendet, gearbeitet und viele Erfahrungen sammeln können. Und doch fühle ich ein ständiges Gefühl der Fremdheit und des Drangs einen Neubeginn zu wagen. Dieses Gefühl, das auf so vielen verschiedenen Ebenen in mir existiert, wird nicht nur von mir so empfunden, sondern ist signifikant für eine ganze Gruppe von Menschen, die sich globale Nomaden, kulturelle Chamäleons oder Reisesüchtige nennen. Und diese Gruppe wird im Zuge der Globalisierung immer größer werden.

Auf der Suche nach Erklärungen gieße ich mir etwas Vla in ein Glas und suche die Quelle allen Wissens auf: Wikipedia sagt mir nichts über das Fremdsein selbst. Es liefert Begriffe wie Depersonalisation (zu krass!), das Fremde (zu allgemein) und Third-Culture-Kid (ok?) als Erklärungsmodell. Der Duden sagt, dass das Fremdsein das Bewusstsein der eigenen Fremdheit ist. Ein Third-Culture-Kid wächst in einer Art dritten, eigenen Kultur auf, die aus Fragmenten anderer Kulturen besteht, der es im Laufe seines Lebens angehörte. Aber es ist keiner wirklich zugehörig. Prinzipiell kann es sich in allen Kulturen bewegen, die es prägten, dennoch entsteht häufig das Gefühl des Fremdseins, da es nur Anteile der diversen Kreise aufnehmen kann und nie die völlige Zugehörigkeit erlebt. Es hat also die Chance in vielen Kulturkreisen zu bestehen, die Möglichkeit sich zu adaptieren. Gleichzeitig fehlen Stabilität, feste Strukturen und Traditionen wie auch die Verbundenheit mit einem Ort oder einer bestimmten Gruppierung. Die mentale Beweglichkeit fordert ihren Preis, indem sie das komplette Ankommen verhindert. Dies wird in unserer Zeit auch durch die technologische Vernetzung der Welt gefördert. Ständig in Kontakt mit den Menschen, die man auf seinen vielen Stationen trifft, kreiert man ein fragmentiertes Selbst, dass vielerorts gleichzeitig existiert, mehrere Identitäten gleichzeitig lebt.

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Versuche ich das Fremdsein in das Korsett des Third-Culture-Kids zu pressen, bin ich durch viele Umzüge, durch die Begegnung mit vielen Kulturen in meinem familiären Umfeld geprägt. Ich bin sozusagen ein Vorzeige-Europäer mit deutscher, englischer, niederländischer und vielleicht französischer Verwandtschaft. Von einem Vater, den ich nie wirklich kennen lernte, bekam ich einen Hauch von Exotik, fernen Ländern, alten Kulturen und duftenden Gewürzmischungen mit, die mir wie eine Ahnung nachhängen. Ich bin oft umgezogen, habe mich in unterschiedlichen Kulturen bewegt und die Zugehörigkeit zu einer noch nicht erreicht. Das Gefühl ein wenig außen zu stehen, obwohl ich mittendrin bin, ist eins, dass zu einem Teil von mir geworden ist. Ich lerne gerne Neues kennen und finde mich im Neuen schnell zurecht. Aber mir fehlt der Halt, das Heimatgefühl, der Ich-gehöre-hierin-Moment.

Da wir uns nicht frei von unserer Umwelt entwickeln können, sind unsere Gedanken zum Teil Produkte dessen, was unsere Umgebung uns mitgibt. Man könnte behaupten, dass die niederländische Niedlichkeit, der brachiale englischer Humor und die deutsche Stetigkeit irgendwie in mir vereint wären. (Leider habe ich aus keiner Kultur etwas Trinkfestigkeit mitgenommen!) Im Prinzip sind das aber alles Klischees, die sich je nach Umgebung aus ganz unterschiedlichen Gründen, so oder anders hätten entwickeln können. Bewegt man sich in verschiedenen gesellschaftlichen Schichten, in unterschiedlichen Kulturen und spricht diverse Sprachen, ist das Denken, die Selbstidentität dadurch bestimmt. Einheitlichkeit ist dann von Anfang an nie dagewesen. Man nimmt dann eben mit, was man kann. Wird ein kleiner Mutant, der alles ist und doch nichts. Ein kleiner Mutant, der sich an der Zugehörigkeit, dem Mensch-sein versucht.

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Ein weiteres Problem der Third-Culture-Kids soll es sein, dass ihr Erwachsen werden verzögert ist, dass sie länger Kind bleiben. Ich kritzele nachdenklich auf meinen Arm herum und betrachte die Comicwand hinter mir. Eigentlich wird man sogar recht schnell erwachsen, da viel Einfühlungsvermögen, viel Verständnis von mir erwartet wurde. Man muss schnell funktionieren und sich schnell auf Dinge einstellen. Vielleicht passt die Mutantenmetapher dadurch ganz gut: große Verantwortung und so, und gleichzeitig bleibt man irgendwie in der nicht abgeschlossenen Kindheit stecken. Dann kann man sich entscheiden, ob dies zum Guten oder Dunklen führt. Man kann rastlos oder beweglich, kindlich oder neugierig, offen oder verschlossen werden. Und das stetig Fremdsein kann ein wahrer Fluch oder auch eine Chance sein.

Fremdsein selbst kann nämlich etwas melancholisch-schönes haben. An fremden Orten sind die Sinne für Details geschärft, in fremden Umgebungen nimmt man alles stärker wahr. Jeder Eindruck ist intensiv, neu und frisch. Das Unbekannte möchte entdeckt, erkannt und verstanden werden. Das ist der Antrieb für das Weiterziehen. Die ewige Jagd nach Neuem, nach Veränderung, die Flucht vor dem Stillstand. Jeder Ort, jede Kultur, jedes Land bieten die Möglichkeit weiter zu wachsen, zu lernen, seine Toleranz oder manchmal auch Intoleranz zu schulen. Die Menschen, die man trifft, fordern einen heraus oder zeigen Persönlichkeiten, die positiv überraschen.

Ich möchte immer noch gerne weiterziehen, aber manchmal eben auch, dass mich etwas hält…

 

©PICTURES BY MIRIJAM & MATHILDA MORE

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