Killer und Empathen – Die dunkle Seite der Empathie

Hiermit beginnt meine Reihe über Killer, ihre Motivation und ihr Bild in den Medien. Teil 1 beleuchtet, was Empathie überhaupt ist und welches erste Erlebnis mich dazu motivierte, mich mit diesem komplexen, düsteren Thema auseinanderzusetzen.

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Vor einigen Monaten, als ich auf dem Rückweg von einer Geschäftsreise versuchte schwer bepackt in einen überfüllten Zug zu steigen, hatte ich eine Begegnung, die mich recht nachdenklich stimmte. Es war ein Nachmittag, viele Menschen waren unterwegs und die meisten hatten es furchtbar eilig. Ich mühte mich mit meinen Reisetaschen ab, Menschen drängten sich an mir vorbei und verhinderten, dass ich einsteigen konnte. Ich war verärgert und gestresst. Als ein Mann neben mir stehen blieb und mir Hilfe anbot, war ich sehr erleichtert. Er war schon etwas älter, vielleicht in den 60igern. Seine Haare waren grau, er war etwa genauso groß wie ich und trug eine hellbeige Windjacke.  Ich hatte fast ein schlechtes Gewissen mir helfen zu lassen, aber Unmut und Verzweiflung waren größer, deshalb reichte ich ihm meine Taschen an und schaffte es so endlich in den Zug.

Drinnen standen wir dann mit meinem Gepäck im Zwischengang. Wir unterhielten uns über einige belanglose Dinge, die meinem Gedächtnis inzwischen wieder entfallen sind, denn das, was wirklich wichtig war, war die Geschichte, die er mir kurz vor meinem Ausstieg erzählte: Er war ein Grenzsoldat in der ehemaligen DDR gewesen und hatte bei einem der Einsätze einen jungen Mann erschossen, der über die Mauer fliehen wollte. Er war einer von vielen gewesen, die auf den Flüchtenden gefeuert hatten. Im Nachhinein hätte man denken können, dass er sich nicht sicher sein könnte, ob es seine Kugel war, die den Mann letztendlich tötete. Doch er selbst war so überzeugt davon, dass es ihm Jahre später noch Tränen in die Augen trieb. Er fragte mich, was er hätte anderes tun können, als er den Schießbefehl erhielt? Er fragte mich, ob er ein schlechter Mensch sei? Natürlich musste ich aussteigen, bevor ich die ganzen Informationen und Fragen überhaupt richtig verarbeitet hatte. Und ehrlich gesagt, war ich auch völlig überfordert mit der Bewertung der Lebensgeschichte dieses fremden Mannes.

Zunächst empfand ich Empathie für den Grenzsoldaten. Es tat mir leid, dass er in eine solche Situation geraten war und bis zu diesem Tag darunter leiden musste. Dann dachte ich über den jungen Mann nach, der sein Leben verloren hatte und war entsetzt darüber, wie leichtfertig Menschen abdrücken konnten, wie leicht so ein Leben mit all seinen Wünschen und Träumen beendet wurde. Und unversehens war ich mittendrin im moralischen Dilemma: Denn ich hatte mit zwei sehr konträren Positionen Mitgefühl und mein moralischer Kompass, der sich strikt gegen das Töten aussprach, war durch die Reue des Mannes erschüttert worden und hatte sich zu seinen Gunsten ausgerichtet. Kann ich meinem Vermögen mitzufühlen dann überhaupt bedingungslos trauen?

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Empathie fördert das soziale Miteinander sowie moralische Handlungen – diesbezüglich sind sich viele Wissenschaftler einig. Ohne bestimmte, intrinsisch motivierte Verhaltensregeln würde unser soziales Gefüge wesentlich schlechter funktionieren. Wenn uns als Kindern Regeln vorgegeben werden, zum Beispiel, dass wir unsere Geschwister nicht mit einer Schippe auf den Kopf schlagen sollen, dann werden diese Regeln nur verstanden, falls wir in der Lage sind den Schmerz des anderen mitzufühlen. Durch das Mitfühlen gelangen wir zu der Erkenntnis, dass das, was sich für unseren Gegenüber schlecht anfühlt, unterlassen werden sollte. Und diesen Schluss treffen wir nicht nur, weil wir Strafe fürchten, sondern weil wir uns in die Lage des Anderen einfühlen können. Können Kinder das nicht, entsteht eine Diskrepanz. Entweder werden diese Kinder die Handlungen weiter fortführen, da sie ihre Konsequenzen für den anderen nicht verstehen oder sie werden diese nur aus Angst vor Strafe unterlassen. Empathie ist also wichtig, damit Menschen in der Lage sind, ihr Gegenüber zu verstehen.

Daher argumentieren viele Wissenschaftler für einen größeren Fokus auf die Empathie. Unter anderem der Soziologe Jeremy Rifkin, der in  The Empathetic Civilization (2009) schreibt, dass die einzige Hoffnung auf ein Überleben der Menschheit darin besteht, globale Empathie zu entwickeln, um  wirtschaftlichen Kollaps von Staaten und den Folgen des Klimawandels oder von Kriegen entgegenzuwirken. Die Vorteile der Empathie scheinen so offensichtlich zu sein, dass ihr positives Image keiner weiteren Rechtfertigung bedarf. Schließlich wird der Mangel an Empathie im allgemeinen mit soziopathischen und psychopathischen Persönlichkeitsstrukturen verknüpft. Kein Wunder also, dass die Empathie ein solch positives Image hat. Sie ist ja auch das Gegengewicht zu dem Bösen, richtig?

Nein, leider nicht. Empathie ist eine trickreiche Sache und bewirkt keineswegs nur moralisch-erhabenen Handlungen und Schlüsse. Wie der Psychologe Paul Bloom von der renommierten Yale Universität in seinem Buch Against Empathy (2016) anmerkte, führt Empathie dazu, dass wir keine rationalen Entscheidungen darüber treffen können, wo unser Mitgefühl am meisten angebracht wäre. Bloom geht davon aus, dass Empathie von Anfang an keine vorurteilsfreien Entscheidungen erlaubt:  Wir empfinden schneller Empathie für attraktive Menschen oder für diejenigen, die uns optisch oder bezüglich unseres sozio-kulturellen Backgrounds näher stehen. Oft lassen wir uns von persönlichen Vorlieben, Einzelschicksalen und emotionalisierten Geschichten stärker dazu bewegen, empathisch zu handeln, als von drängenden, globalen Problematiken: eine dramatische Geschichte über ein Kind, das Hunger leidet, verleitet Menschen dazu zu spenden. Die wissenschaftlich aufgearbeiteten Folgen des Klimawandels für ganze Bevölkerungsgruppen bringen die Wenigsten dazu ihren Geldbeutel zu zücken. Daher plädiert er für eine rationale Herangehensweise – rational compassion ist seine Antwort auf die Probleme, die Empathie mit sich bringt. Wir müssten uns vor Augen führen, dass das Leben unseres Nachbarn ebenso wichtig ist wie das einer Person in einem fernen Land. Genauso muss sich bewusst gemacht werden, dass Einzelschicksale nicht mehr wiegen als Schicksale ganzer Bevölkerungsgruppen, obwohl es uns leichter fällt mit Individuen zu sympathisieren. Moralische und faire Urteile können wir nur mit objektiven, mitfühlenden Überlegungen fällen.

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Auch der Literatur-, Kultur- und Kognitionsforscher Fritz Breithaupt führt in seinem Werk Die Schattenseite der Empathie (2017) einen ähnlichen Punkt wie Bloom an: In Konfliktsituationen ergreifen wir zu schnell Partei für eine der beteiligten Personen und legitimieren dies, indem wir die Perspektive eines der Kontrahenten übernehmen und seine Vorgeschichte narrativieren. Reflektiert wird dabei nicht über die Motivationen der anderen Partei. Dies führt letztendlich zu ungenügenden Einsatz unseres empathischen Vermögens. Wir rechtfertigen in der Rolle des Beobachters nur das Verhalten einer Person basierend auf unseren persönlichen Vorlieben und Sympathien, ohne jedoch die Möglichkeit eines Fehlschlusses in Betracht zu ziehen. Breithaupt behauptet zudem, dass ein Übermaß an Empathie zum Selbstverlust führen kann, wie es beispielsweise zum Stockholm-Syndrom. Die Identifikation mit dem Täter führt dazu, dass seine Vergehen gerechtfertigt werden und verleitet das Opfer zum Verharren in der unzumutbaren Situation. Zugleich könne Empathie aber auch negativ eingesetzt werden: Empathischer Sadismus führt bei Psychopathen dazu, dass sie das Leid des Opfers nachvollziehen können und daraus ein Lustempfinden ziehen wie jüngste Studien zeigen konnten.

Die dunkle Seite der Empathie lehrt uns, dass wir die Empathie nicht als absolut gut betrachten sollten. Die Fähigkeit mit unserem Gegenüber mitzufühlen, ermöglicht uns soziale Kompetenzen zu entwickeln, einander in schwierigen Situationen beizustehen oder schlicht zu helfen. Sie ist ein Maßstab für das, was wir emotional als richtig und falsch empfinden, was moralisch angebracht ist. Auf der anderen Seite kann sie uns einschränken, zu voreiligen Schlüssen verleiten oder sadistische Züge annehmen. Wir müssen also lernen mit ihr bedacht und reflektiert umzugehen.

Im nächsten Teil setze ich mich mit sadistischer Empathie, dem Unterschied zwischen Reue und Bedauern und was einen Psychopathen in dem Kontext zum Psychopathen macht.

©PICTURES BY DAN PHOTOGRAPHY (2) , DÜSSELMEIERCHEN & MATHILDA MORE

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