Killer und Empathen – Sadistische Empathie

Im zweiten Teil der Reihe “Killer und Empathen” beschäftige ich mich mit den sadistischen Elementen der Empathie, warum Leid Vergnügen bereiten kann, was Reue und Bedauern unterscheidet und weshalb Psychopathen gar nicht so unempathisch sind. (Den ersten Teil gibt es hier!)

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Sherlock bezeichnet sich selbst als “high functioning sociopath”. Hannibal Lecter ist ein intelligenter und charismatischer Kannibale. Und Dexter ist trotz seiner soziopathischen Züge ein echt guter Vater. Der typische Hollywood-Serienkiller kombiniert psychopathischen Eigenschaften – Empathielosigkeit, manipulatives und kalkuliertes Verhalten, sadistische Freude am Schmerz anderer – mit moralischen Werten und einer Hintergrundgeschichte, die ihn stets für uns zugänglich macht. Dadurch erscheint sein gewaltbereites Verhalten als irgendwie entschuldbar. Natürlich wären die meisten Zuschauer entsetzt, wenn ein real-life Hannibal Lecter in ihrer Nachbarschaft Menschen verspeiste. Zum Glück sind Menschen wie er aber in der Realität seltener anzutreffen als viele andere Arten von Verbrechern. Die mediale Fixierung auf solche Charaktere zeigt uns dennoch eins: Psychopathen und Soziopathen erschrecken und faszinieren zugleich.

Warum sympathisieren wir eigentlich mit Dexter, Hannibal und Co.? Einer der Gründe mag sein, dass wir das für uns unverständliche Böse in eine menschliche Geschichte einbetten können, wenn diese für uns erzählt wird. Dexter, Hannibal und Norman Bates haben alle Hintergrundgeschichten, verschiedene Formen von Missbrauch in ihrer Kindheit und Jugend erlebt – krasse und absolut zerstörerische Erlebnisse, die ihre Wege, wenn nicht rechtfertigen, dann doch verständlich machen sollen. Zugleich symbolisieren sie die dunkle und nicht ausgelebte Seite, die in uns selbst schlummert. (Dazu mehr im nächsten Teil!)

Was unterscheidet nun den Serienkiller aus den Medien von dem Psychopathen in der Realität? Oft ist die Klassifizierung eines Psychopathen deutlich komplexer. Für sich genommen, kann keine der vorhergenannten Eigenschaften eindeutig auf einen Psychopathen schließen lassen. Es braucht einen ganzen Komplex von Eigenschaften, um eine entsprechende Diagnose auszustellen. Um herauszufinden, ob eine Person in das Spektrum psychopathischer Störungen fällt, kann die Checkliste zur Psychopathie nach Hare herangezogen werden. Dieser besteht aus 40 Punkten, von denen 30 oder mehr erreicht werden müssen. Neben bereits bekannten Eigenschaften wie Empathielosigkeit, manipulativen Verhalten, mangelnden Reue- und Schuldgefühlen, tauchen dort auch Eigenschaften auf, die im medialen Alltag selten mit Psychopathie verknüpft werden: Dazu gehören unrealistische Langzeit-Ziele, promiskuitives Verhalten und eine Tendenz schnell gelangweilt zu sein. Etwas, was den kühlen, psychopathischen Killer der Medienwelt dabei wenig zu Gesicht steht, ist, dass er generell eine eher schlechte Verhaltens- und Impulskontrolle aufweist. Die meisten Medien-Psychopathen sind intelligent, unterkühlt und planen ihre Taten akribisch.

Im realen Leben ist es also sehr schwer, aufgrund einzelner Eigenschaften einen Psychopathen auszumachen. Das liegt auch daran, dass bestimmte Eigenschaften auf viele andere Störungen zutreffen können und manche Dinge schwer abgrenzbar sind. Betrachten wir zum Beispiel das Reue- und Schuldempfinden: Psychopathen zeigen keine Reue und haben keine Schuldgefühle gegenüber ihren Opfern. Reue ist eine Empfindung, die aus Schuldgefühlen resultiert. Diese wiederum entstehen, wenn wir den Schmerz der durch uns geschädigten Partei mitempfinden können. Nur Reue führt zu einer echten Änderung im Verhalten und einer ernst gemeinten Entschuldigung. Das heißt aber nicht, dass Psychopathen kein Bedauern empfinden können. Sie können ihre Taten durchaus bedauern, wenn diese für sie ungünstige Resultate haben. Werden sie zum Beispiel finanziell oder selbst emotional geschädigt, können sie Bedauern empfinden und dieses auch ausdrücken. Die Grenze zwischen echter Reue und einem Ausdruck des Bedauerns ist nur schwer zu ziehen. Beides kann zu einer Unterlassung der verletzenden Aktion führen: entweder weil Strafe oder eine weitere Eigenschädigung vermieden werden soll, oder damit eine andere Person nicht weiter verletzt wird. Letzteres geschieht aus Empathie, ersteres aus Eigeninteresse.

Empathie ist eine weitere schwierige Sache. Zwar gelten Psychopathen als teilnahmslos und gefühlskalt, aber Experimente des Teams des Psychologen und Biologen Christian Keysers vom Netherlands Institute for Neuroscience zeigen, dass Psychopathen eine Art Schalter für Empathie besitzen: Je nach Bedarf können sie diese an- und ausschalten. In seinen Experimenten wurden 25 Gewalttätern, die als Psychopathen klassifiziert waren, in einem MRT-Scanner Videos von Menschen gezeigt, die einander Schmerz zufügen. Im ersten Durchlauf sollten sie sich die Filme nur ansehen. Im zweiten Durchlauf wurde ihnen durch einen Doktoranden kurze Schläge auf den Handrücken versetzt, um die Regionen des Gehirns ausfindig zu machen, die für die Schmerzverarbeitung zuständig sind. In beiden Durchläufen zeigte sich eine verringerte Aktivierung von Hirnregionen, die für die Bewegungs-, somatosensorische und emotionale Steuerung verantwortlich waren. Da Keyser viele der Patienten als sehr charismatisch und zugänglich erschienen, beschloss er dem Vorschlag seiner Laborpartnerin Valeria Gazzola zu folgen und ließ die Männer unter der Vorgabe, dass sie nun versuchen sollten sich in das Opfer hineinzuversetzen. Und siehe da, die Ergebnisse zeigten, dass sie so empathisch wie ein gesunder Mensch sein konnten.

Dieser Empathie-Schalter führt auch zu dem Lustgewinn, den ein Psychopath durch die Qual seines Opfers ziehen kann: Ein Sadist empfindet Lust, wenn er den Schmerz einer anderen Person beobachtet oder einer Person Schmerzen bereitet. Wenn Sadisten in einem MRT-Scanner Videos gezeigt bekommen, in denen Menschen Schmerzen zugefügt werden, zeigen sie eine hohe Aktivität in ihrer Amygdala – einem Bereich im Gehirn, der mit starken Emotionen assoziiert wird wie Versuche des französischen Neurowissenschaftlers Jean Decety zeigen konnten. Im Vergleich zu Nicht-Sadisten schätzten Sadisten die Schmerzerfahrung des Opfers als wesentlich intensiver ein. Je stärker ein Sadist den Schmerz des Opfers bewertete desto größer war die Aktivität in einer anderen Hirnregion, dem Inselkortex. Dieser hilft uns dabei, unsere Gefühle und Körperzustände zu beobachten. Sadisten sind also sehr empathisch für Gefühle ihrer Opfer, können diese miterleben und ziehen ein Lustempfinden daraus. In der Realität gehen Sadismus und Psychopathie nicht notgedrungen miteinander einher. Psychopathen allerdings, neigen dazu etwas indifferenter gegenüber den Gefühlen anderer zu sein.

Bezugnehmend auf mein Erlebnis müsste ich nun herausfinden, ob der Grenzsoldat ein Psychopath oder Soziopath ist, um ein moralisches Urteil zu fällen und zu verstehen, was ihn bei seiner Tat motiviert hat: Der Grenzsoldat hat das Interesse seinen Job zu erfüllen, hat eventuell selbst Angst vor Strafe und ist in einer Drucksituation. Der Flüchtende hat sein Recht auf Unversehrtheit und seine Berechtigung, weshalb er aus einer für ihn untragbaren Situation entkommen wollte. Der ehemalige Grenzsoldat erkennt diese Berechtigung im Nachhinein an und empfindet Reue. Etwas, das ihn, sofern er in diesem Moment emotional ehrlich war, sofort als Nicht-Psychopath klassifiziert. Gehen wir nun davon aus, dass er ein normaler Mensch wie du und ich ist, müssen wir uns die Frage stellen: Was macht einen Menschen eigentlich zu einem Mörder?

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Im nächsten Teil gibt es einen Exkurs zu den verschiedenen Typen von Psychopathen und warum diese vornehmlich männlich sind. Dann erzähle ich euch, warum viele Psychopathen unauffällig sind und was einen Psychopathen zu einem Gewalttäter macht. Am Beispiel von Brenda Spencer, die das Lied I Don’t Like Mondays der The Boomtown Rats inspirierte, zeige ich euch wie es zu einer Eskalation kommen kann.

©PICTURES BY DÜSSELMEIERCHEN & MATHILDA MORE

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