Killer und Empathen – Ist Psychopathie männlich?

Der typische Psychopath ist also gefühlskalt, hat einen An/Aus-Schalter für Empathie, eine schlechte Impulskontrolle und ist vor allem eins: männlich. Stimmt das denn so?

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Ganz analog zu dem Bild, das wir aus den Medien kennen, ist der klassische Psychopath in unseren Köpfen eng mit dem männlichen Geschlecht verknüpft. Selbst das bekannteste Beispiel einer weiblichen Psychopathin in einem Film – Aileen Carol Wuornos Pralle gespielt von Charlize Theron in Monster – wird unverhältnismäßig vermännlicht dargestellt im Vergleich zu der echten Aileen Wuornos Pralle. Abgesehen von der Tatsache, dass Frauen generell seltener mit Gewalttaten in Verbindung gebracht werden, ist die gesellschaftliche Vorstellung von weiblichen Mördern eher die einer Giftmischerin: Dexters Hannah McKay ist ein typisches Beispiel dafür. Sie tötet ihre Opfer mit Spritzen oder vergifteten Getränken, tritt aber nicht als aggressive Gewalttäterin  auf.

Viele Menschen finden es schwierig die klassischen Eigenschaften eines Psychopathen gepaart mit einem hohen Maß an Aggression mit Frauen in Verbindung zu bringen. Lange Zeit herrschte daher auch in der wissenschaftlichen Welt die Überzeugung, dass Psychopathie eine vornehmlich männliche Störung sei. Erklärungsmodelle dafür waren meist auf geschlechtsspezifische Unterschiede bezogen. Es wurde angenommen, dass Frauen aufgrund des doppelten X-Chromosomensatzes eine höhere Resistenz gegenüber dieser psychopathologischen Auffälligkeiten hätten. Ein weiteres Erklärungsmodell führte die unterschiedlichen Gehirnstrukturen von Mann und Frau an. Wie wir inzwischen wissen, unterscheiden sich die Gehirne von Männern und Frauen nicht so stark, als dass sie Frauen vor antisozialen Störungen schützen könnten.

Etwa 4-5 % aller Menschen sind Psychopathen. Die meisten dieser Menschen werden nicht kriminell oder gewalttätig. Der Neurowissenschaftler James Fallon ist einer dieser sozial unauffälligen Psychopathen. Als er sein Gehirn auf Anzeichen von Alzheimer screenen ließ, zeigte sich, dass sein Gehirn-Scan dem eines Psychopathen entsprach. Für ein Nebenprojekt hatte er nämlich verurteilte Mörder scannen lassen und aus Versehen in seine Mappe gemischt. Nachdem er einen Double-Check gemacht hatte, begann er sich näher mit seiner Vorgeschichte zu beschäftigen. Die grundlegendste Erkenntnis, die er aus seinen Untersuchungen gewinnen konnte, war, dass die Grenze zwischen einem unauffälligen und einem auffälligen Psychopathen meist durch den Einfluss äußerer Umstände überschritten wird. Kurz gesagt, Mobbing, Missbrauch und Gewalt waren die Haupttrigger für psychopathisches Verhalten. Er fand heraus, dass er eine Reihe von Genabschnitten hatten, die mit der Serotoninverarbeitung in Zusammenhang standen. Sie waren auch Risikofaktoren für aggressives Verhalten, Gewalt und geringe emotionale und zwischenmenschliche Empathie. Wächst ein Kind in einem positiven Umfeld auf, können die negativen Effekte dieser Gene ausgeglichen werden.

Neuere Erkenntnisse zeigen, dass die prozentualen Anteile männlicher und weiblicher Psychopathen in der Bevölkerung gar nicht so weit auseinander liegen: 20-25% der männlichen Gefängnisinsassen weisen eine dissoziale/antisoziale Persönlichkeitsstörung auf, etwa 16% der weiblichen Insassen auch. Zudem sind nicht unbedingt alle Psychopathen kriminell auffällig, die Dunkelziffer  bei Frauen kann also höher liegen. Dies liegt auch daran, dass Frauen andere Warnsignale zeigen als Männer. Männliche Psychopathen zeigen bereits in der Kindheit alarmierende Auffälligkeiten: sie misshandeln Tiere, legen Feuer oder verhalten sich extrem gewalttätig. Daher haben sie meist schon im Jugendalter ein hohes Vorstrafenregister. Frauen fallen eher durch Bagatelldelikte auf. Sie klauen Kosmetika oder Kleidung, begehen kleine Betrügereien.

Die Psychologin Anja Lehmann von der Freien Universität Berlin untersuchte weibliche Inhaftierte mithilfe des Hare-Tests und musste feststellen, dass dieser nicht wirklich für Psychopathinnen geeignet ist. Frauen, die eine antisoziale Störung hatten, schnitten schlecht bei dem Test ab und erreichten kaum die notwendige Punktzahl, um diagnostiziert zu werden. Was nicht unbedingt daran lag, dass Frauen komplett andere Eigenschaften als männliche Psychopathen aufwiesen. Auch Psychopathinnen fielen durch Gefühlskälte, einen oberflächlichen Charme und Mangel an Reuegefühlen auf.  Sie waren egozentrisch, manipulativ und hatten ein stark überhöhtes Selbstwertgefühl. Allerdings integrierten sie sich besser ins soziale Gefüge als ihre männlichen Gegenstücke. Offenbar war es für sie leichter, zumindest formal gesellschaftliche Spielregeln einzuhalten. Im Gefängnis zeigten sie sich durchaus gesellig, verliehen ihre Sachen und stellten sich mit ihren Mitgefangenen gut.

Die Unterschiede im Verhalten von männlichen und weiblichen Psychopathen lassen sich zum Teil auf die unterschiedliche Sozialisierung von Männern und Frauen zurückführen. Von Frauen wird eher verlangt aggressives Verhalten zu unterdrücken und sozial zugänglich zu sein. Dadurch werden sie dazu motiviert angepasster und unauffälliger zu handeln als Männer. Die norwegischen Wissenschaftler Rolf Wynn, Marita Hoiseth und Gunn Pettersen beobachteten folgende Unterschiede: das kriminelle Verhalten von Frauen war größtenteils um Diebstahl und Betrug geprägt, während Männer häufiger in Gewaltdelikte verwickelt waren. Die Art von Aggression, die gezeigt wurde, unterschied sich zwischen den Geschlechtern. Männer nutzten öfter physische Aggression, um ihr Ziel zu erreichen. Frauen hingegen waren eher verbal oder Beziehungs-relational aggressiv. Sie beschimpften und degradierten ihr Opfer oder versuchten es aus einer Gemeinschaft auszuschließen, indem sie das soziale Netzwerk manipulierten. Sie positionierten sich häufiger als Mobber, ohne zwangsläufig physische Gewalt anzuwenden. In ihrer Kindheit und Jugend war die Tendenz von Frauen selbstverletzendes, manipulatives Verhalten zu zeigen und häufig von zu Hause wegzulaufen größer als bei Männern. Allerdings wurde auch bei Frauen Tendenz zur Tierquälerei im jugendlichen Alter festgestellt. Wie ihre männlichen Gegenparts quälten und töteten sie auffällig oft Tiere, bevor sie sich Menschen zuwandten.

Wie bei Männern spielt eine komplexe Interaktion von biologischen und genetischen Prädispositionen sowie die Einflüsse von Umfeld und Familie eine große Rolle bei der Entwicklung der psychopathischen Persönlichkeitsstörung. Weibliche Psychopathen wurden ebenfalls häufig als Kinder missbraucht, vernachlässigt oder traumatisiert. Am Beispiel von Brenda Spencer, die das Lied I Don’t Like Mondays der The Boomtown Rats inspirierte, kann gezeigt werden, wie eine solche Kombination zur Eskalation führt: Am Morgen des 29. Januar 1979 schoss Spencer von ihrem Fenster aus  auf eine Gruppe Kinder, die vor der Cleveland Elementary School warteten. Dabei verletzte sie acht Kinder und tötete den Schuldirektor. Danach verbarrikadiert sie sich für einige Stunden in ihrem Haus. Bevor sie sich schließlich ergab, führte sie ein telefonisches Interview mit einem Journalisten der San Diego Union Tribune. Auf seine Frage, weshalb sie die Tat begangen hätte, antwortete sie: „I don’t like Mondays.“ Dieser Satz steht symbolisch für die Gefühlskälte, mit der Psychopathen ihre Taten rechtfertigen. Ohne Frage war diese Tat grausam, entsetzlich und unnötig. Brenda Spencer lebte damals mit ihrem Vater alleine in dem Haus. Sie wurde in dieser Zeit wiederholte Male Opfer sexuellen und physischen Missbrauchs. Ihre depressive Störung blieb unbehandelt. Die Waffe erhielt Spencer als Geburtstagsgeschenk von ihrem Vater mit der Aufforderung sich selbst zu töten. Dieser Fall zeigt, dass eine ganze Reihe von Faktoren nötig ist, um jemanden mit einer entsprechenden Prädisposition zur Eskalation zu treiben. Brenda Spencers Tat wird dadurch nicht rechtzufertigen sein, aber der Hintergrund kann erklärt werden. Dies ist letztendlich wichtig, wenn solche Taten in Zukunft verhindert werden sollen.

Tipp für Interessierte: Eine recht gute, aber schwierig zu ertragende Doku ist Child of Rage. In der Doku werden die Therapie und die Lebensumstände der 6-jährigen Beth Thomas gezeigt:

Without even flinching an eye or conceding any emotional feeling whatsoever, when asked in a recorded video session with the specialized psychologist what she planned to do to with the knives she stole out of her family’s dish washer, little 6 year old Beth Thomas plainly states “Kill John and mommy with them, and daddy.”

 

©PICTURES BY DÜSSELMEIERCHEN & MATHILDA MORE

 

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