Bi-Girl Problems

Wie unterschiedlich die Wahrnehmung deines ganzen Seins, deiner Existenz sein kann, je nachdem, wen du datest, fiel mir am Abend eines langen Tages in der S-Bahn auf: Meine Freundin und ich hatten etwas Fahrtzeit vor uns. Als Lektüre hatten wir am Bahnhofskiosk ein einzelnes Heft Love is Love entdeckt und mitgenommen. Während wir nun in den Geschichten, die das Attentat auf die Bar Pulse in Orlando verarbeiteten, lasen, setzte sich eine ältere Frau in den Vierer gegenüber. Ich bin zugegebenermaßen nah am Wasser gebaut. Viele der Geschichten waren unendlich traurig. Deswegen legte meine Freundin öfter ihre Arme um mich und strich mir die Tränen von den Wangen. Nach einer Weile fing die Frau an uns Fragen zu stellen – harmlose Fragen nach dem Weg, Fahrtzeit und so weiter. Irgendwann sagte sie unvermittelt: “Ach, ich wünschte, ich hätte auch so eine liebe Freundin wie Sie.“ Dann erzählte sie uns ein wenig aus ihrem Leben und wünschte uns am Ende alles Glück der Welt.

Photo: Martin Treml

Für viele Menschen klingt diese Geschichte erstmal banal, aber sie führt etwas vor Augen, dass sicher eine Reihe von Menschen in nicht-hetero-normativen Beziehungen erleben: Oftmals ist die Reaktion auf unsere Beziehung nicht positiv. Angefangen von Schwierigkeiten der Akzeptanz innerhalb der Familie bis hin zu offenen Beleidigungen durch fremde Menschen auf der Straße. Wir sind mehrfach angegangen worden, meine Freundin ist infrage gestellt, misgendered und als Phase bezeichnet worden. Ein Typ lief grunzend hinter uns her und drängte sich zwischen uns. Ich wurde gefragt, ob ich sicher wäre, dass ich nicht wenigstens bisexuell sei, denn alles andere wäre Verschwendung. Menschen wollten uns zugucken. Menschen haben offenen Ekel geäußert. Die Liste lässt sich endlos fortsetzen.

Bei all den positiven Reaktionen aus unserem Freundes- und Bekanntenkreis und den vielen Menschen, die uns – ebenfalls positiverweise – nicht beachten, verdränge ich oft wie viel Negatives wir erfahren (müssen), weil sich Menschen nicht damit abfinden können, dass sich Menschen unabhängig von sex and gender lieben. Gerade im Kontrast zu den Beziehungen, die ich mit Männern geführt habe. 

Ist doch nur ’ne Phase!

Klar gibt es das auch, dass deine Familie oder deine Freunde deinen neuen Boyfriend gar nicht mögen. Aber oft liegt das daran, dass es charakterlich nicht passt. Niemals wird hier aufgrund des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung direkt eine Ablehnungshaltung entwickelt.

Irgendwann kam ich mir auch so vor, als würden wir eine Art Bullshit-Bingo mit unserer Umgebung spielen. Zwischen Fragen, die massiv invasiv sind: 
– “Sag mal, fehlt dir nicht was, wenn du mit einer Frau zusammen bist?“ 
– “Wie meinst du das, ob mir etwas fehlt?“
– “Ja, du weißt schon… der Penis.“
– “Bitte was?“
– “Also mir würde das fehlen…“

Oder:

– “Sag mal wie ist es denn genau Sex mit einer Frau zu haben? Das geht doch eigentlich gar nicht.“
– “Also ich fände es eklig mit einer Frau zu schlafen.“

Bis hin zu Aussagen, die unsere gesamte Beziehung infrage stellen:

– “Du willst dich halt etwas ausprobieren…“
– “Ich glaube, das wird nicht deine letzte Beziehung sein.“ (Irgendwann kommst du schon wieder mit einem Mann.)
– “Warum daten Frauen Frauen, die aussehen wie Jungs? Da kann man auch direkt einen Mann nehmen.“ (Nein, weil auch Tomboys und androgyne Frauen immer noch Frauen sind, verdammt!)

Hinzu kommen diverse Vermutungen über die Natur meiner Sexualität:

– “Schön, dass du dich geoutet hast. Es ist nicht leicht so zu tun als wäre man nicht Homo.“ (Ich hatte Beziehungen zu Männern und Frauen.)
– “Also, du musst du auch mal entscheiden.“ (Ich hatte Beziehungen zu Männern und Frauen wie viele bisexuelle Menschen. In diesem Falle habe ich mich entschieden mein Leben mit einer Frau zu verbringen.)

Photo: Martin Treml

Unabhängig davon, musste ich noch nie so viel erklären während einer Beziehung. Ich bin praktisch ständig unter Rechtfertigungsdruck.

Wie klappt das mit den Kindern?

Neben all diesen mal mehr mal weniger gut gemeinten Aussagen, Fragen usw. gibt es ein weiteres Phänomen. Noch nie ist mir die Familienplanung so stark vor Augen geführt wurden! Von Menschen, die mir sagen, dass ich mich in dieser Beziehung niemals auf natürlichem Wege fortpflanzen werden kann (Ach, tatsächlich? Und wir versuchen und versuchen…) bis hin zu Personen, die sie mir einfach abnehmen. Da geht es um die Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung, wie ich einen Vater finden kann und warum ich auf die Mutterschaft nicht verzichten muss – egal, ob ich sie will, oder nicht.

Ein persönlicher Höhepunkt war, als ich mit einem schwulen Bekannten verpaart werden sollte, damit wir in unseren jeweiligen homosexuellen Beziehungen nicht auf das Glück der Elternschaft verzichten müssen. Das ging so weit, dass mir erklärt wurde wie ich den Samen meines schwulen Bekannten ins Sexspiel mit meiner Freundin zu Befruchtungszwecken integrieren kann. Völlig außer acht gelassen wurde dabei, dass weder er noch ich Bock auf so eine Konstellation hatten.


Liebe ungleich Liebe

Kurz gesagt, Menschen nehmen sich viel mehr heraus als in meinen heterosexuellen Beziehungen. Viele dieser Dinge passieren gar nicht erst. Und das ist recht erschreckend.

Bisexualität bedeutet für mich Erklärungsnot, um jede Beziehung kämpfen zu müssen, jedes mal von vorne erklären zu müssen, wer ich bin, wobei ich nicht ernst genommen werde…

Aber ja, es ist nun einmal, das, was ich bin.

Während wir viel über die Bi Invisibility schreiben und sprechen, kommt häufig die Diskrepanz zwischen dem Erleben der heterosexuellen Beziehung mit einem cis-Menschen und allen anderen Beziehungsformen zu kurz. Bisexuelle bewegen sich damit in einem ständigen Spannungsfeld zwischen (vermeintlicher) Akzeptanz und gesellschaftlicher Ablehnung.

Als bisexueller Mensch kommen eben auch viele diskriminierende Faktoren zusammen: Zum einen die schon angesprochene Invisibility, zum anderen die Aneignung dieser Form der sexuellen Orientierung in den Medien, um Menschen als verworfen und unfähig sich festzulegen zu beschreiben. Zusätzlich wird keine andere sexuelle Orientierung bei Frauen durch cis-Männer so stark fetischisiert. Bisexualität wird so zu einem Symbol der Anrüchigkeit, der Verspieltheit und der Nicht-Existenz stilisiert. Entweder ist sie eine Übergangslösung zur Homosexualität (bei Männern zumeist) oder eine Phase, ein Fetisch. Nie ist sie aber in ihrer Existenz gleichberechtigt neben der Hetero- und Homosexualität anerkannt.

Das kann zerreißen. Der Druck nicht wahrgenommen und anerkannt zu werden – sowohl in der hetero-normativen Welt als auch in der LGBTQI+-Community – ist immens. Wir sollten mehr darüber reden!

Published by

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.